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Wurzeln und Flügel

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Ein indisches Sprichwort besagt, dass man Kindern wenn sie klein sind Wurzeln geben soll, wenn sie älter werden Flügel. Goethe drückt es folgendermaßen aus: „Zwei Dinge sollen Kinder von ihren Eltern bekommen: Wurzeln und Flügel.“

Wenn ich mich aber in meiner Familie oder anderen umschaue, fällt mir kaum eine Mutter und kaum ein Vater ein, der das wirklich lebt. Teilweise ist es so, dass der Vater Flügel gibt und die Mutter Wurzeln. Oder beide nur eins von beidem. Konkret könnte man sagen die einen sagen "Mach was du willst, du bist alt genug." und die anderen sagen "Ich will immer auf dich aufpassen, dass dir nichts schlechtes passiert."

Aber wie wahr ist es doch, dass ein Kind beides braucht. Mir fallen da direkt kleine Kätzchen an. Am Anfang können sie nicht mal etwas sehen, weil sie mit geschlossenen Augen geboren werden und auch die erste Zeit so verbringen, irgendwann danach kann man sie dann von ihrer Mutter trennen und da fängt für die zukünftigen Katzenbesitzer ein großes Abenteuer an. Von da an braucht das Kleine viel Aufmerksamkeit, Fürsorge, man muss ihm etwas zu fressen geben, ihm beibringen aufs Katzenklo zu gehen und langsam, ganz langsam entsteht ein Vertrauensverhältnis zwischen der Katze und mir. Immer öfter habe ich die Ehre sie streicheln zu dürfen ohne dass sie Angst haben muss, ohne dass sie sich vor mir versteckt. Das ist die Zeit, in der ich die ganze Zeit bei dem kleinen Kätzchen sitzen können und ihm einfach zugucken könnte, einfach nur da sein, damit es mich irgendwann in seinem Revier akzeptiert und Vertrauen fasst.

Bei Kindern könnte man das als die Phase bezeichnen, wo man ihnen Wurzeln geben sollte, wo sie die auch existentiell nötig haben. Die Phase in der auch im Idealfall das Urvertrauen entsteht.

Aber wieder zurück zu dem Kätzchen, denn damit ist ja normal noch nicht alles passiert. Bei mir zumindest nicht. Ich bin nämlich dafür, dass Katzen auch raus sollten und man ihnen kein Leben als "Schlaf- und Fresskatze" zumuten sollte. Das Leben ist mehr. Selbst für eine Katze.
Also kommt der schwere Schritt die Katze an das Leben draußen zu gewöhnen. Wer das mal miterlebt hat, kennt vielleicht die Prozedur. Erst mal nur kurz, weil sie total Panik bekommt, dann geht solange man sie auf dem Arm hält, irgendwann kann man sie absetzen, aber sie würde sich nie trauen von sich aus einen Schritt zu tun. Aber je öfters man das macht und je mehr Zeit man darein investiert, desto selbstbewusster wird die Katze. Mit dem, der sie da raus mitnimmt hat sie ja gute Erfahrungen gemacht, ihm vertraut sie, er wird schon wissen was er tut. Und mit der Zeit erfährt sie ja auch, dass ihr nichts passiert. Dadurch wächst zwar auch das Vertrauen, aber in erster Linie einmal die "Flügel".
Die Katze wird selbstständig.

Sie beginnt ihren eigenen Weg zu gehen und traut sich jetzt auch selbst raus. Und doch kommt sie auch wieder zurück. Auch wenn man als Besitzer erst mal ganz schön Angst hat wenn die Kleine zum ersten Mal nachts nicht heimkommt oder ihren ersten Winter erlebt. Aber das gehört dazu, es zeigt ja nur, dass die Katze einem am Herzen liegt.

Trotzdem ist dieser Weg der richtige und führt in die Selbstständigkeit.

Und so muss es auch bei Kindern sein. Die Übergangsphase, in der ihnen Flügel verliehen werden sollen, ist schwer. Weil man ja nie weiß was kommt und was passiert und die große, weite Welt da draußen kann zu Zeiten sehr grausam und kalt sein. Und trotzdem wird ein Mensch erst wirklich Mensch und erwachsen sein wenn er frei ist, wenn man ihn loslässt und ihm Flügel verleiht.

Vor allem ist die Gefahr jemanden zu verlieren viel größer wenn man einem Kind diese Flügel nicht verleiht. Eine Katze, die an die Welt draußen gewöhnt wurde, wird mit größere Wahrscheinlichkeit zurückkommen als eine richtige Hauskatze.

Welches Kind wird nachher wieder zu den Eltern kommen und Kontakt mit ihnen halten? Das mit oder das ohne Flügel?

 

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